Glashütte Walkersbach

 

Die Glashütte von Walkersbach

und seine Hüttmeister 1508 - 1714

Von Manfred Krautter

 

 

Es ist ein unendlich Kreuz, Glas zu machen


Das Symbol der Glasmacher drückt diesen Satz bildlich aus: Auf dem christlichen Kreuz liegt eine liegende Acht, dem Symbol der Unendlichkeit.

 

 

Arm ist jener, dem kein Glas das Haus ziert               Cicero

 

 

Der Schwäbische Wald eignete sich im ausgehenden Mittelalter in idealer Weise für die Ansiedlung von Glashütten, denn alle erforderlichen Rohstoffe (Quarzsand, Pottasche (K2CO3), Kalk und Holz) waren vor Ort vorhanden oder gewinnbar. Quarzsand und Holz waren entscheidend und in großer Fülle vorhanden. Das raue Klima in den Waldgebieten war für eine einigermaßen erträgliche Landwirtschaft kaum geeignet. Der Schwäbische Wald wurde daher ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert „vorindustriell“ über Glashütten erschlossen. Die Dichte an Glashüttenstandorten war zeitweise außerordentlich hoch. Mehr als 25 Standorte werden im Schwäbischen Wald genannt. Darunter auch die Glashütte von Walkersbach.

 

 

Glashütten waren im Sinne des Wortes tatsächlich nicht mehr als Hütten. Wände waren meist nicht vorhanden und daher offen, damit die ungeheure Hitze der über 1250°C heißen Öfen abziehen konnte. Die Glashütte enthielt einen gemauerten Schmelzofen. Darin befanden sich die irdenen (tönernen) Glashäfen mit etwa 50 Liter Fassungsvermögen. Hierin wurden Sand Pottasche und Kalk zu Glas geschmolzen und danach weiterverarbeitet. Des Weiteren waren Streck- und Kühlöfen notwendig, in denen das hergestellte Waldglas langsam abgekühlt wurde, ohne dass es zersprang oder Risse entwickelte. Diese Kühlöfen hatten eine Temperatur zwischen 800 und 500°C. Alle Öfen wurden Tag und Nacht befeuert, um die notwendige Hitze zu erhalten. Ein Schmelzofen hatte unter diesen Bedingungen eine Lebensdauer von maximal etwa 20 Wochen. Dann musste er abgebrochen und ersetzt werden. Die 20 Wochen entsprechen in etwa der halben jährlichen Produktionszeit der Glashütte von etwa 38 Wochen. Pro Jahr mussten also zwei Schmelzöfen in je sieben Wochen gebaut werden.

Abb. 1: Glaserzeugung um 1550: A die Glasmacherpfeife, B das Fensterlin, C der Marmelstein, D die Zang, E die Instrument darin man Formen macht (Agricola, 1556).

 

 

Abb. 2: Mittelalterliche Glashütte. Miniatur als Illustration zu der Reisebeschreibung des Sir John Mandeville aus dem frühen 15. Jahrhundert (Britisches Museum London).

 

Die Arbeitsteilung in eine Glashütte war Garant für ein effizientes und zügiges Arbeiten. Dies war seit altersher so und auch notwendig, da die Glasmasse außerhalb des Ofens rasch abkühlt und Arbeitsschritte, die Hand in Hand gehen notwendig sind. Deswegen wurden eine große Menge an Arbeitern und angelernten Arbeitskräften beschäftigt. Folgende hüttenbezogene Berufe (Betätigungsfelder) sind überliefert:

 

Hüttmeister, Gemenger, Materiemeister, Schmelzer, Glasmacher, Aufbläser, Schwenker, Bleiglaser, Bundglaser, Walzenmacher, Strecker, Auskühler, Chymiky / Chimist, Fensterglaser, Glasbläser, Glaser, Glasfaktor, Glashütteninspektor, Glaslaborant, Oberglaser, Römermacher, Trinkglasmacher, Scheibenmacher, Schleifermeister, Weißtrinkglasmacher, Grüntrinkglasmacher, Würker, Fuhrknecht, Glasträger, Schürer und Spiegelpolierer. Nicht direkt mit der Glasverarbeitung waren Holzhauer, Scheithauer, Scheitdörrer, Köhler, Aschenknechte und Pottaschesieder um die Hütte zugegen. Für den Versand der Glaswaren gab es Kistenmacher und Einbinder. Der Quarzsand wurde durch Stampfer und Pocher für die Schmelze aufbereitet. Der Verdienst der Holzhauer, Scheitdörrer, Aschenknechte usw. reichte allerdings meist kaum zum Überleben. Man hatte sein Vieh im Stall und war Selbstversorger so gut es eben ging.

 

Die Hitzeentwicklung der Schmelz- Streck- und Kühlöfen war immens und die Arbeit an den Öfen ein Knochenjob und viele der Glaser jagten ihren Verdienst durch die Gurgel, wie es von der Glashütte in Erlach beschrieben wird. Ein regenfestes Dach hingegen war für die Arbeit der Glasmacher unabdingbar. Viele dieser Waldglashütten waren nur für eine relativ kurze Betriebsdauer aufgerichtet worden. Der Holz- und damit der Energiebedarf der Glashütten war unermesslich hoch, sodass in wenigen Jahren weite Teile des umgebenden Waldes abgeholzt und kahl waren. Nachdem der Holzvorrat des umgebenden Waldes aufgebraucht war, wurde die Hütte abgerissen oder einfach aufgelassen und man zog weiter zu anderen Stellen und errichtete dort wieder eine Glashütte, wo der Holzvorrat noch für weitere Jahre zum Glasmachen reichte. Deshalb waren die meisten Glashütten im Schwäbischen Wald nur wenige Jahre bis ein paar Jahrzehnte produktiv. Eine der wenigen Ausnahmen war die Glashütte zu Walkersbach. Hier wurde über mehr als 200 Jahre Waldglas produziert. Dies ist ungewöhnlich, denn der Holzbedarf der Hütten war so hoch, dass bereits nach wenigen Jahren der bereitstehende Holzvorrat aufgebraucht war und die Hütte aufgelassen wurde und der Hüttmeister anderswo eine neue Hütte gründete. Wohl nur deshalb konnte die Hütte Walkersbach so lange existieren, da Walkerbach ringsum von großen, weitgehend geschlossenen Waldgebieten umgeben war und somit ein enormer Vorrat an Holz vorhanden war. Nach den Daten von Otto Sigwart aus Todtmoos (schriftliche Mitteilung von Marianne Hasenmayer, Spiegelberg) wurde in Walkerbach in den Jahren zwischen 1690 und 1702 51401 Tannen (Fichten waren damals bei uns noch nicht heimisch) à 6 Schuh lang verbraucht. Dies entspricht 6853 (württembergische) Klafter und das wiederum entspricht etwa 20.000 Festmeter Holz. Außerdem wurde für dieselbe Zeitspanne 5662 Wagen dünnes Holz benötigt. Dies entspricht etwa 3224 Klafter oder etwa 9.000 Festmeter Holz. Nicht genannt sind die Verbrauchszahlen für das ebenfalls sehr wichtige Buchen- und Eichenholz.

Pottasche ist für die Herstellung von Glas unabdingbar. Glas besteht eigentlich nur aus aufgeschmolzenem Quarzsand. Quarz (SiO2) hat einen Schmelzpunkt von über 1700°C. Diese Temperatur ist mit einem Holzfeuer nicht zu erreichen. Durch Zugabe einer bestimmten Menge an Pottasche (etwa 30%) verringert sich der Schmelzpunkt des Quarzsands von 1700° auf 1200 – 1300°C und damit kann mit einem Holzfeuer Quarz zu Glas geschmolzen werden. Durch die weitere Zugabe von Kalk erhält das Glas eine höhere Härte und Zähigkeit, was beim Abkühlen der Gläser von Vorteil ist.

 

Die Herstellung von Pottasche ist allerdings aufwendig und benötigt wiederum jede Menge an Energie, also Holz. Für die Gewinnung von einem Kilogramm Pottasche ist ein Festmeter Buchenholz notwendig. Das Holz wird verbrannt und die entstehende Asche in einem großen Pott zusammen mit Wasser verkocht. Am Boden des Behälters bildet sich eine Kruste, die aus verunreinigter Pottasche besteht. Durch weiteres Auflösen mit Wasser und Abkochen entsteht dann die Pottasche, die für die Glasherstellung brauchbar ist. Der Name Pottasche ist von dem Pott (=Topf) abgeleitet, in dem die Pottasche gesotten wurde. Die Glashütte in Spiegelberg hatte einen jährlichen Bedarf von etwa 40.000 Kilogramm an Pottasche. Dies entspricht 40.000 Festmeter an Buchenholz (Hasenmayer, 2006), allein für die Herstellung von Pottasche.

 

Als Vergleich und zur Relativierung soll hier der jährlichen Einschlag im Forstrevier von Plüderhausen dienen. Hier werden momentan (im Jahr 2011) auf 12000 ha 1200 Festmeter Holz pro Jahr geerntet (mündl. Mitteilung Revierleiter Klauser). Das jährlich eingeschlagene Holz würde heute gerade mal für etwa 3% der (in Spiegelberg) benötigten Menge von Pottasche reichen. Hierbei ist das Holz für den Siedeprozess noch nicht eingerechnet. Ebenso wenig das Holz zur Befeuerung der Schmelz-, Streck- und Kühlöfen. Asche war demnach ein kostbares und begehrtes Gut. Die Ämter Schorndorf, Waiblingen, Winnenden, Göppingen, Backnang Lorch und Adelberg mit ihren zugeordneten Gemeinden waren verpflichtet die Asche des Hausbrands nach Walkersbach zu liefern (Gelbe-Haußen, 1962).

 

Allein diese recht unvollständigen Zahlen zeigen schon deutlich, welchen unermesslichen Holzbedarf eine Glashütte hatte. Binnen wenigen Jahren waren die Wälder um die Glashütten vollständig gerodet. Der Wald war komplett gerodet und man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie die Landschaft aussah. Die Hütten wurden dann einfach abgerissen oder aufgelassen und der Hüttmeister gründete anderswo eine neue Glashütte und das ganze begann von neuem. Walkersbach stellte mit seiner sehr langen Produktionszeit daher eine große Ausnahme dar.

 

Die Glashütte von Walkersbach

Die Glashütte von Walkersbach wird erstmals 1508 urkundlich erwähnt und war in herzoglich-württembergischem Eigentum. Ob und wie lange sie schon vorher bestand verbleibt im Dunkel der Geschichte. In der Steuerliste von Lorch 1448 ist eine Glashütte noch nicht ausgewiesen, wohl aber in der Steuerliste von 1508. Damit muss die Glashütte von Walkersbach zwischen dem Erscheinen der beiden Steuerlisten gegründet worden sein (Göttert, 1994).

Sie lag etwa 100m nördlich des Dorfes Richtung Breitenfürst (Heidl, 1999). Das ist etwa dort, wo sich heute der Steinmetzbetrieb Fuchs befindet. Diese Aussage ist plausibel, denn auf diesem Areal war genügend ebenerdiger Platz am Bach, um eine große Glashütte sinnvoll zu betreiben. Allerdings steht die Ortsangabe der Hütte im Widerspruch zu der Ansicht von „Walckersbach“, die 1685 vom herzoglich-württembergischen Kriegsrats und Obristenlieutenants Andreas Kieser zeigt. Auf dieser Ansicht von Walkersbach befindet sich die heftig rauchende Glashütte im Zentrum des Dorfes. Außer der großen Glashütte gehörten noch ein Pochwerk, das Herrenhaus sowie Ställe, Güter und andere „Commoditäten“ zur Glashütte (Gelbe-Haußen, 1962). Eine Glashütte bestand aus Hütten zum Lagern für die Rohstoffe Quarzsand, Pottasche, Ofenanlagen zum Schmelzen des Gemenges, Verarbeitungsstätten, Kühlöfen zum langsamen kontrollierten Abkühlen der Werkstücke zur Vermeidung von Spannungsrissen, und sonstigen Hilfseinrichtungen für die Produktion sowie Lagerstätten für hergestellten Glaswaren. Die gesamt Produktionsstätte der Glashütte von Walkersbach dürfte sich Fuchs-Areal bis hinunter zum Bürgerhaus gezogen haben.

Abb. 3: Ansicht von Walkersbach aus dem Forstlagerbuch des herzoglich-württembergischen Kriegsrats und Obristenlieutenants Andreas Kieser von 1685.

Abb. 4: Das Wappen der Endress Greiner Linie aus Baiereck (leicht verändert nach http://www.all-fischer.de)

 

Als erster Pächter und Hüttmeister der Glashütte wird Peter Greiner genannt. Peter Greiner war eines der sechzehn Kinder des Endress (Andreas) Greiner von Baiereck im Schurwald. Endress Greiner wurde etwa um 1440 in Raum Nassach-Beiereck im Schurwald geboren. Zeit Lebens war er Hüttmeister in Baiereck/Nassach und so auch sein Sohn Peter, der etwa um 1460 (1465) geboren wurde und Anfang des 16. Jahrhunderts die herzogliche Glashütte zu Walkersbach gründete. Das Wappen dieser Greiner zeigt im Schild auf silbernem Grund einen waagrecht liegenden Rührstab, darüber zwei und darunter einen gerillten, grünen Trinkbecher.

Peter Greiner starb noch vor 1552, denn in einem Aktenvermerk von1552 wird die Witwe Peter Greiners erwähnt. Seine Söhne Andreas und Blasius werden dann 1545 in der sogenannten Türkensteuerliste als Hüttmeister genannt. Sie bleiben Hüttmeister bis etwa 1585, wobei Blasius Greiner als aktiver Anhänger der Täuferbewegung 1567 für über zwei Jahre im Kloster Maulbronn eingekerkert war. Bereits 1563 wird ein Michael Greiner als Hüttmeister von Walkersbach erwähnt. Insgesamt legt sich hier ein dichter Nebel der Geschichte über die Historie der Glashütte von Walkersbach. Im Dreißigjährigen Krieg wurden Walkersbach, seine Bewohner und die Glashütte sehr in Mitleidenschaft gezogen, auch von der Pestwelle, die das geschundene Land und die Leute überrollte. Von einer regelmäßigen Glasproduktion kann nicht mehr ausgegangen werden. Zu sehr setzten die unkalkulierbaren Kriegswirren dem kleinen Dorf zu. Die Glashütte wurde dann 1634 von schwedischen und später kaiserlichen Truppen zerstört.

 

Bereits 1647 wurde die Hütte provisorisch wieder in Stand gesetzt und mit der Glasproduktion begonnen. Walkersbach bestand zu der Zeit aus der Glashütte und sechs bis sieben Häusern, darunter zwei Wirtshäusern (Göttert, 1994).

 

1652 wurde die Glashütte dann unter herzoglich-württembergischer Leitung weiter betrieben. Ein Glasinspektor war eingesetzt und ihm zur Seite stand ein Obmann aus der Familie der Greiner.

Später wurde die Hütte an den ab 1681 genannten Hüttmeister Hanß Ulrich Greiner verpachtet. Schon kurz darauf, im Jahr 1687, wurde von herzoglicher Seite überlegt, die Glashütte von Walkersbach aufgrund der fehlenden Holzmengen zu schließen. Nach einer erfolgten „Betriebsprüfung“ durch den herzoglichen Regierungskommissär Simon Hettler, riet dieser dem württembergischen Herzog, die Glashütte weiter zu betreiben und führte mehrere Gründe an. Er verwies auf den zu erwartenden Ausfall der Hüttenpacht von jährlich 300 Gulden hin. Zudem seien etwa 70 Walkersbacher Bürger und ihre Familien entweder direkt oder indirekt von der Glasherstellung abhängig. Die Schließung der Hütter hätte fatale Folgen für die arme Bevölkerung. Hettler schätzte, dass der vorhandene Holzvorrat noch für 20 Jahre zur Glasherstellung reichen würde. Diese Argumente waren überzeugend und die Glashütte blieb weiter in Betreib. 1703 wird Hanß Jakob Greiner als Hüttmeister genannt. 1710 wird die Glashütte von Walkersbach letztmalig in einer Verfügung des württembergischen Herzogs genannt und 1714 wird sie als abgegangen bezeichnet. Damit war die Glasherstellung in Walkersbach abgeschlossen.

 

Wie bereits ausgeführt wurde die Glashütte von der damals sehr rührigen Dynastie der Glasmacherfamilie Greiner dominiert. Sie galt im 16. Jahrhundert als eine der großen Glasmacherdynastien im deutschsprachigen Raum und sie bestimmte maßgeblich die Glaskunst in den meisten Glashütten des Schwäbischen Waldes. Beispielsweise können hier genannt werden: Althütte, Neufürstenhütte, Altfürstenhütte, Stangenbach, Steinbach, Cronhütte, Fautspach, Weidenbach, Mittelchristbach (heute Mettelbach) und weitere mehr.

Die Glasmacherfamilie Greiner war also etwa 200 Jahre dominant auf ihrem beruflichen Sektor. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich Nachkommen über die zwei Jahrhunderte auch in anderen Gegenden Deutschlands als Glasmacher ihr Auskommen suchten. Die noch heute existierenden Glashütten von Lauscha und Schleusingen im Thüringer Wald wurden von der Glasmachersippe der Greiner gegründet. Heute werden hier überwiegend medizinische Gläser und Weihnachtsschmuck sowie Schmuck- und Kunstglas jeder Couleur angefertigt.

 

1624 kommt der „Düringer“ Hans Greiner aus Lauscha von einer Waldglashütte am Wabach im Vogler in den waldreicheren Hils und gründet eine Waldglashütte.

 

1744 erteilte Herzog Karl I von Braunschweig den Auftrag zur Gründung einer Spiegelglashütte auf dem „Grünen Platz“ (heute Grünenplan) im Hils (Weserbergland, südlich von Hannover). Ein Nachfahre des „Düringer“ Hans Greiner aus Lauscha nahm diesen Auftrag an. Der Name Greiner verschwindet hier nun, da Hans Greiner seine Tochter an den „Glase- und Wildmeister“ Franz Seidensticker verheiratete. Einen Sohn hatte er wohl nicht, der die Tradition des Glasmachens weiter führen konnte. Der Name Seidensticker ist nun mit der Glastradition im Weser Bergland eng verknüpft.  Der „Grüne Platz“ wurde 1670 der Standort der ersten ortsfesten Glashütte, später der fürstlichen Spiegelglasmanufactur und heute der Schott AG. Die Glashütte in Grünenplan existiert noch heute.

 

Nachfahren der Greiner/Seidensticker-Sippe trugen aus wirtschaftlichen Zwängen die Grünenplaner Glastechnologie weit in die Welt hinaus: Johann Friedrich Amelung (1741-1798) gründete 1784 in Baltimore/USA eine Glashütte, die im Weltkonzern Corning Glass aufging. Der weltgrößte Glasproduzent Corning Glass versteht Grünenplan noch heute als seine Keimzelle. Anton C. F. Amelung (1735-1798) wanderte 1790 nach Dorpat/Estland aus und gründete dort mit seinen Söhnen zwei Glashütten, die bald mit 2.000 Spiegelmachern die größte Spiegelglashütte im zaristischen Russland wurde (http://www.koehlergrund-seniorenzentrum.de).

So spielt das Wissen der Hüttmeister Greiner aus Walkersbach bis heute eine bedeutsame Rolle in der Geschichte der Glasherstellung und dies nicht nur in unserer engeren Heimat, sondern weltweit.

 

Worauf begründet sich der Erfolg der Glasmachersippe Greiner?

Die Glashütte von Walkersbach wird in der (lokalen) Berichterstattung meist beschrieben, dass hier vor allem Flachglas produziert wurde. Ohne jeden Zweifel war Fensterglas ein wichtiger Bestandteil im Produktkatalog der Walkersbacher Glashütte. Dies war jedoch bei weitem nicht alles was hier produziert wurde. Neufunde von 2010 bezeugen dies eindeutig. So wurde aus privatem Besitz eine kleine Apothekerflasche aus dem 18 Jahrhundert sowie ein kleiner Nuppenbecher aus dem frühen 16. Jahrhundert gefunden. Außerdem eine große Anzahl an viereckigen längs-gelochten Kobaltglasstangen, die zur Schmuck- und Perlenherstellung verwendet wurden. Um dies blaue Kobaltglas herzustellen benötigt man entsprechendes Kobalterz, das der Glasschmelze zugegeben wurde. Entsprechendes Kobalterz ist im süddeutschen Raum nur aus dem südlichen Schwarzwald und dem böhmisch-erzgebirgischen Raum bekannt. Daher müssen intensive Handelsbeziehungen von Walkersbach aus in diese Regionen zwangsläufig bestanden haben.

Kobaltglasstangen - Fundort: Walkersbach
Chevronperle (a) und Chevronstangenfragmente (b-c) für die Perlenherstellung. 16. Jahrhundert. Fundort: Walkersbach

Weiterhin wurden eine Chevron-Perle und eine produktive „Vorstufe“ dazu gefunden. Chevron-Perlen bestehen aus bis zu zwölf Lagen unterschiedlich gefärbten Glases. Die Herstellung und die Technik waren höchst komplex und eigentlich nur von der Glasmacherinsel Murano bei Venedig bekannt. Dieses Wissen muss daher irgendwie den Weg über die Alpen nach Walkersbach gefunden haben. Ob nun in Walkersbach der „erste italienische Gastarbeiter“ gearbeitet hat oder wie das Wissen über die Herstellung hierher kam, bleibt vorläufig im Dunkeln. Walkersbach stellte aber mit großer Sicherheit mit seinen unterschiedlichen hochwertigen Glasprodukten eine Ausnahme unter den Glashütten im Schwäbischen Wald dar. Dies bedingte vielleicht auch seine extrem lange Produktionszeit. Die Rezepte der Glasherstellung wurden in der Regel nicht aufgeschrieben, sondern immer nur mündlich vom Vater auf den Sohn weitergegeben und somit sind sie bis heute geheim blieben. Das hohe glasmacherische, handwerkliche Wissen, die fortschrittliche Technologie, die sich im Laufe der Jahrhunderte weiter ansammelten, vermehrten und verbesserten und ihre Geheimhaltung innerhalb der Familie, spielte sicher eine große Rolle im Erfolg der Dynastie der Greiner.

 

Die Walkersbacher Hüttenordnung

Die Hüttenordnung, die einen sehr frühen Tarifvertrag darstellt, stammt aus dem Jahre 1651 und wurde von einem Wenzel aus Walkersbach zur Glashütte Heselbach bei Unterkochen mitgebracht. Nach ihrer Proklamierung galt sie als Standartordnung für das Glashüttenwesen, zumindest im Schwäbischen Wald und galt in vielen Glashütten als Regel. Allerdings wurde sie von Glashütte zu Glashütte modifiziert und anders ausgelegt. Die Hüttenordnung wurde jedes Jahr verlesen. Danach gab es meist einen gebührenden Umtrunk.

 

Eine Hüttenordnung war sicher sinnvoll, denn viele Glasmacher zogen von einer Hütte zur anderen und blieben dort, wo Arbeit und Lohn in einem angemessenen Verhältnis stand. Die Arbeitsbedingungen und die herrschenden Regeln waren regional oft recht unterschiedlich. Die Glasmacher kamen aus dem gesamten süddeutschen, französischen, schweizerischen und österreichischen Raum. Aus Walkersbach wird die Herkunft aus Cernthen (Kärnten) und der Steiermark berichtet (Göttert, 1994). Daher war eine Hüttenordnung sinnvoll und wichtig, um einen möglichst reibungslosen und planbaren Arbeitsablauf zu gewährleisten.

Zylindrische Apothekerflasche aus hellgrünem Glas. 17. Jarhundert. Höhe 7 cm. Fundort: Walkersbach
Seltener kleiner Nuppenbecher mit Fuß. Höhe 6 cm. Anfang 16. Jahrhundert. Fundort: Walkersbach

Hüttenordnung

Der Hüttmeister hat dafür zu sorgen, dass für die Öfen immer ein genügender Vorrat an Rohmaterialien vorhanden ist. Er nimmt die Glasmacher in die Pflicht und Gelübde.

Der Wald- und Fensterglasmacher sollen es vier sein. Der Anfänger hat das Material „anzumachen“. Er erhält dafür „wenn er ein Tagwerk Glas hilft machen“ drei Bunde zu je sechs Tafeln Glas. Die Würker, Aufbläser und Strecker haben den dritten Teil des gefertigten Glases anzusprechen. Dafür haben sie auch das täglich erforderliche Werkzeug und zwei von den fünf erforderlichen Pfeifen zu beschaffen und zu unterhalten.

 

Wenn der Schürer meldet, dass das Glas geläutert ist, und dass man anfangen kann zu glasen, haben die vier Fensterglaser ihre Arbeit aufzunehmen; sie haben Glas abzufeimen, zu reinigen und in sechs Stunden einen Hafen auszuglasen. Nach einer Stunde Rast haben sie ebenso den zweiten Hafen in sechs Stunden auszuglasen. In zwölf Stunden sollen sie 60 Bund Glas zu je sechs Tafeln anfertigen. Da dies nur in Zusammenarbeit der vier Glasmacher möglich ist, hat jeder Glaser, der mutwilligerweise die Arbeit versäumt und dadurch die anderen drei zwingt, auch zu feiern, dem Hüttmeister und seinen Mitgesellen allen Schaden zu ersetzen.

 

Die Weiss- und Trinkglasmacher haben auch für das Gemenge zu sorgen. Dabei ist darauf Bedacht zu nehmen, dass das Glas „nit allein schön weiss, sondern auch hell, lauter und als Kaufmannsgut anerkannt werden möge“. In zwölf Stunden soll jeder 200 Gläser fertigstellen. Nach Feierabend nimmt der Hüttmeister nach seiner Wahl die Hälfte der Ware an sich; die andere Hälfte verbleibt den Glasmachern. Für die Grün-Trinkglasmacher gelten entsprechende Bestimmungen.

Die Scheibenmacher haben 500 Scheiben zu fertigen, nach Feierabend zwei Teile zu machen und dem Hüttmeister die Wahl zu lassen.

 

Wenn der Ofen nach etwa 20 Wochen ausgebrannt ist, hat der Hüttmeister auf seine Kosten einen neuen aufzurichten. Dabei haben alle Glasmacher mitzuhelfen. Sie haben die Steine zu diesem Ofen zu brechen. Auch die Kühl- und Scheitöfen haben die Glaser nötigenfalls zu erneuern. Genau abgegrenzt ist auch, wie weit sich die Glaser an der Herstellung der Häfen zu beteiligen haben.

„Die Schürer betreffend müssen derer zween sein, die Tag und Nacht das Fuer regieren, vnnd den Ofen alle Zeit in starkher hiz halten, guten Verstand auff das schmeltzen haben vnnd all Zeit schön lauter vnnd klar Glas anzustellen wissen, hergegen haben sie beede Schürer zue Lohn wochentlich sechs Gulden, thut jedem drei Gulden“.

 

Beim Glasverkauf hat der Hüttmeister vor allem den Vorzug, besonders was die Fuhren anbetrifft, Die Glaser sind verpflichtet, auf Weisung des Hüttmeisters die Glassorten herzustellen, die von den Kaufleuten begehrt werden. Zur Befriedung des Bedarfs der Kaufleute darf der Hüttmeister gegen späteren Ersatz auch auf den täglichen Anteil der Arbeiter zurückgreifen.

Die Walkersbacher Hüttenordung wurde wörtlich aus Greiner (2005) entnommen.)

 

Quellenangaben:

Agricola, Georg (1556): De re metallica libri XII

Gelbe-Haußen, Dietrich (1962): Das 700jährige Walkersbach. 700 Jahre Walkersbach (Festschrift).

Göttert, Horst-Dieter (1994): Glashüttenleute und ihre Familien in Walkersbach; Beckingen/Saar (Selbstverlag)

Greiner, Walter (2005): Auf den Spuren der Glasmacher von der Neuzeit bis in biblische Zeiten; Sonthofen (Selbstverlag).

Hasenmayer, Marianne (2006): Die Glashütten im Mainhardter Wald und in den Löwensteiner Bergen. In: Natur - Heimat – Wandern: Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald (Hrsg.: Schwäbischer Albverein).

Heidl, Herbert (1999): Ein ehemaliger Glasmacherflecken mit einer vielhundertjährigen Vergangenheit: Die Teilgemeinde Walkersbach. Plüderhauser Geschichtsblätter, Nr. 26 (Hrsg. Heimatverein Plüderhausen).

http://www.all-fischer.de/all-fischer-p/p502.htm (Zugriff Februar 2012)

http://www.koehlergrund-seniorenzentrum.de/pdf/Geschichte-des-Ortes-Gruenenplan.pdf (Zugriff Februar 2012)

 

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